Anmerkungen zum Wesen von Wissen

Autor: Hans Czap

Die Diskussion von Rahmstorf, Jaenecke und Umst√§tter in der Diskussionsliste wiss-org ab M√§rz 1999 zeigt, da√ü unsere Vorstellungen √ľber das, was Wissen ist und was nicht, erheblich auseinander klaffen.

Meines Erachtens haben wir zwei Arten von Wissen zu unterscheiden: 1. Faktenwissen und 2. Handhabungs- und Orientierungswissen.

Zum Faktenwissen

Faktenwissen orientiert sich an empirisch √ľberpr√ľfbaren und damit verifzierbaren Behauptungen √ľber Sachverhalte. Logisch gesprochen handelt es sich um (einfache) Pr√§dikationen: ein Ziegelstein hat die Tragf√§higkeit x, Paris ist die Hauptstadt Frankreichs etc. Popul√§r gesprochen ist Faktenwissen die Art von Wissen, die man braucht, um ein Kreuzwortr√§tsel zu l√∂sen, es ist das, was man z√§hlen, wiegen oder allgemein messen kann. Faktenwissen ist typischerweise in (strukturierten) Datenbanken, beispielsweise relationalen Datenbanken abgelegt.

Sammlungen an Faktenwissen, also beispielsweise relationale Datenbanksysteme, gestatten keine Aussage dar√ľber, ob das √ľber einen Diskursbereich gesammelte Wissen vollst√§ndig ist oder nicht. Im Bereich von Datenbanksystemen spricht man deswegen von der Closed-World-Assumption (CWA). Danach existiert als Fakt nur, was in der Datenbank enthalten ist. Sachverhalte, die nicht in der Datenbank repr√§sentiert sind, sind im Sinne der CWA nicht existent!

Zum Handhabungs- und Orientierungswisen

Erweitert man die Ebene des reinen Faktenwissens um eine Meta-Ebene, also eine Ebene, die Aussagen √ľber die zugrunde liegende Ebene des Faktenwissens zul√§√üt, beseitigt man das eben geschilderte Defizit fehlender Aussagen √ľber Vollst√§ndigkeit und Relevanz einer Faktensammlung.

Derartige Aussagen (nach Vollständigkeit und/oder Relevanz von Fakten) machen nur Sinn, wenn (a) eine Diskurswelt abgegrenzt ist und (b) ein (menschlicher oder maschineller) Akteur in Bezug auf die Diskurswelt die Fähigkeit hat die gesammelten Fakten zur Problemlösung zu nutzen. Diese Fähigkeit wird Handhabungs- bzw. Orientierungswissen genannt. (Siehe zu dieser Unterscheidung auch meinen Beitrag in dem Tagungsband der ISKO-Jahrestagung 1996). Die Bewertung von Handhabungs-/Orientierungswissen kann nur vor dem Hintergrund einer pragmatischen Sichtweise erfolgen.

In diesem Sinne bezeichnet Wissen also einen Sachverhalt (Faktenwissen) oder eine F√§higkeit (Handhabungs- /Orientierungswissen). Es ist deswegen strikt zu Trennen von der jeweils vorliegenden Darstellungsart und damit der Codierung. Der Vorstellung von Herrn Umst√§tter, da√ü die Codierung mit dem Zeichensatz {0,1} bzw. mit {0,1,Leerstelle} eine quantifizierbare Aussage √ľber das Ausma√ü von Wissen erlaube, mu√ü deswegen massiv widersprochen werden. (Das ist √ľbrigens auch der Grund, warum ich zu dem Artikel von Herrn Umst√§tter keine weitere Stellungnahme abgeben kann.). Dem steht nicht entgegen, da√ü es sicherlich Repr√§sentationsformen von Wissen gibt, die unter pragmatischen Aspekten mehr oder weniger f√ľr eine spezifische Verwendung geeignet sind.

Nicht √ľbersehen werden darf, da√ü jede Repr√§sentationsform von Wissen au√üerhalb des Gehirns von Individuen, also die Verwendung von Sprache, Texten, Bildern, Kodierungen etc., einen Konsens aller Beteiligten ( = Standard) √ľber die Bedeutung der verwendeten Symbole und ihrer Verkn√ľpfungen voraussetzt. Wenn Umst√§tter meint, eine maximale Komprimierung einer Wissensrepr√§sentation erlaube ein Ma√ü √ľber das kodierte Wissen abzuleiten, so wird m.E. √ľbersehen, da√ü jede Komprimierung die Menge an erforderlichen Vereinbarungen erh√∂ht. Der Reduktion bei der eigentlichen Kodierung entspricht ein Zunahme bei den zur Dekodierung erforderlichen Standards.

Sachverhalte oder F√§higkeiten sind vorhanden oder eben nicht. Wissen hat also einen statischen Charakter, wie man auch an Aussagen, wie “Sein Wissen repr√§sentiert den Stand von vor 10 Jahren”, erkennen kann. Der Begriff “Wissen” ist deswegen zu trennen von kommunikationstheoretischen Konzepten, wie etwa der Shannonschen Informationstheorie, nach der Information gleichgesetzt wird mit dem Neuigkeitswert einer Nachricht. Aspekte, wie Rauschen, Signalverzerrung etc. sind Ph√§nomene bei √úbertragungstechniken, sie haben nichts mit dem Begriff “Wissen” zu tun.

Probleme habe ich auch mit der Forderung nach “elementaren Wissenseinheiten”. Bei Faktenwissen ist dies unproblematisch, da die einzelne Elementaraussage, die einem Nominator eine Eigenschaft zuspricht, z.B. Paris (Nominator) ist die Hauptstadt Frankreichs, als elementare Wissenseinheit aufgefa√üt werden kann. Bei einer F√§higkeit gelingt diese Reduktion auf elementare Einheiten nicht mehr.

√úbrigens beobachten wir auch in der K√ľnstlichen Intelligenz das Ph√§nomen keine Einheiten f√ľr Handhabungs-/Orientierungswissen angeben zu k√∂nnen. So bestehen K√ľnstliche Neuronale Netze (KNN) aus einem Geflecht von primitiven Verarbeitungseinheiten, die √ľber gewichtete Kanten miteinander verbunden sind. Im Rahmen einer Trainingsphase werden die Kantengewichte eines KNN so angepa√üt, da√ü das Netz Eingabemuster klassifizieren kann. Trotzdem ist es in der Regel nicht m√∂glich, den einzelnen Knoten des Netzes spezifische Eigenschaften zuzuordnen. Das Wissen, zu welcher Ergebnisklasse ein Eingabemuster zugeordnet wird, ist im Netz verteilt gespeichert, d.h. es gibt keinen identifizierbaren Ort, der f√ľr eine spezifische Teilleistung alleine verantwortlich ist.

Das von Herrn Jaenecke angef√ľhrte Beispiel eines Hauses und seiner (physischen) Bestandteile und des Architekturkonzepts zeigt die Problematik sehr deutlich: “Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile”. Das Emergenz-Ph√§nomen verbietet es, nach kleinsten Wissenseinheiten suchen zu wollen.

27.03.1999

Prof. Dr. Hans Czap Tel.: +49/651/201-2859 Uni
BWL – Wirtschaftsinformatik
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